Superman, ein Held, schlüpft aus dem Ei

Eine Tüte MUT bitte!

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Warum fällt es mir wie Anderen manchmal so schwer mutig zu sein? Was macht Mut klein? Was lässt ihn wachsen?

Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht,

weil wir es nicht wagen, ist es schwer. (Seneca)

In Vorbereitung eines Workshops zum 4.Bundeskongress für Zivilcourage sinniere ich dem Wort Courage nach.

 

In meiner Kindheit habe ich dieses Wort häufig anerkennend gehört. „Der/die hat Courage. Die/der hat Schneid!“ Und mir war klar, hier spricht jemand über einen mutigen Menschen, mutiger als Andere. Courage bedeutet Mut zu haben.

Warum fällt es mir wie Anderen manchmal so schwer mutig zu sein? Was macht Mut klein? Was lässt ihn wachsen?

 

Mir kommt eine Situation in Erinnerung. Während meiner Ausbildung zur Mediatorin war ich nach einem intensiven Seminartag abends mit Kollegen in der Stadt unterwegs. Auf dem Rückweg trafen wir an einer Haltestelle auf einem stark alkoholisierten und sichtlich wütenden, jungen Mann.

 

Er schrie vorbeigehenden Passanten Beleidigungen hinterher, worauf eine Frau aus einiger Entfernung „schlagkräftig“ antwortete. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten.

 

Er warf eine Bierflasche mit so einer Wucht nach ihr, dass die Scherben meterweit in jede Richtung prallten. Ich war paralysiert in dem Augenblick. Froh, dass die Scherben zunächst niemanden verletzt hatten, und dennoch handlungsunfähig und ratlos. Was jetzt?

 

Obwohl ich zu dieser Zeit beruflich bereits viele von Gewalt bedrohte wie auch gewalttätige Situationen erlebt und bewältigt hatte, war ich mit dieser Situation zunächst überfordert. Viele wenns und abers tanzen in solchen Momenten durch den Kopf.

 

Was ist mutiger? Heldenhaft in die Kreissäge zu rennen oder abzuwarten?

Ruhe ist ein erfolgreicher Helfer!

 

Eine weitere wichtige Erfahrung, die für mich zu einer Haltung für zukünftige Gewaltprävention geworden ist: Jede Gewalterfahrung muss einmalig bleiben!

Das bedeutet für mich, jeden Vorfall so nachzuarbeiten, dass gewaltfördernde Bedingungen maximal verringert oder im besten Fall aufgelöst werden.

 

Gegen Angst und Furcht hilft eine klare Haltung, eine Strategie jedes Einzelnen, jeder Institution und unserer Gesellschaft für den Ernstfall – bezogen auf PRÄVENTION – INTERVENTION & NACHSORGE!

 

Ich kann sinnvolle Interventionen für bedrohliche Situationen trainieren. Noch wichtiger finde ich persönlich den Bereich der Prävention.

 

Damit Situationen gar nicht erst eskalieren, brauche ich neben Mut vor allen Dingen ACHTSAMKEIT. Ein waches Auge, Ohr und Herz für den Beginn von Gewalt. Für subtile Gewalt, institutionelle Gewalt, für Gewalt begünstigende Faktoren. Eine klare Haltung zu dem Thema, was Gewalt für dich ist und wo sie für dich beginnt.

 

Rechtzeitig aufzustehen und STOPP zu sagen erfordert auch Mut und lohnt sich.

 

In alltäglichen Situationen kannst du deinen MUT trainieren. Was tust du, wenn du Ausgrenzung in deinem direkten Umfeld beobachtest?

 

Ist das schon Gewalt, wenn über ein Kind in der Klasse oder einen Kollegen schlecht geredet wird? Ist eine Hänselei noch Spaß oder seelische Gewalt? Hier ist Klarheit erforderlich und der Mut, NEIN zu sagen!

 

Und weil aus gewalterfahrenen Kindern Erwachsene werden, bedarf es einer zeitnahen Nachsorge für die Seele. Opfer, Täter, Mittäter und scheinbare Außenstehende tragen Spuren erlebter Gewalt zeitlebens in sich. Die Gefahr der Wiederholung wächst.

 

Um diesen Kreislauf zu unterbrechen, braucht es (unser aller) Mut!

 

Das erfordert zeitgleich, dass du

  • Deine Ängste akzeptierst, aushältst und überwindest
  • Bereit bist, (scheinbare) Sicherheit loszulassen & Unsicherheit erträgst
  • Deine Chancen vorher abgeprüft hast
  • Bereit bist, einen Misserfolg zu bewältigen
  • Weißt, WARUM du es tust; welche Werte dich motivieren

 

Dazu wünsche ich dir, mir und uns allen Erfolg.

 

Übrigens ist die Geschichte an der Haltestelle mehr als glimpflich ausgegangen.

 

Ein älterer Kollege von mir saß direkt neben dem wütenden Mann und sprach ihn seelenruhig (was für ein wunderbares Wort) an: „Na, wohl ganz schön viel Ärger heute!“ Antwort: „Das kannste laut sagen!“

Die Angetrunkene erzählte von seinen Schwierigkeiten und beruhigte sich.

 

Klappt vielleicht nicht immer. Ich erinnere mich zumindest daran, dass hinter Wut Angst und Hilflosigkeit liegen.

 

Herzlichst,

deine Kerstin D. Richter

 

Seminar Deeskalations- und Selbstbehauptungstechniken, vom 02.-03.11.2017 im Soziokulturellen Zentrum Cottbus